Table of Contents
Joachim Merz: Der Ökonom, der Deutschlands blinde Flecken sichtbar machte
Joachim Merz – Professor an der Leuphana Universität Lüneburg, Gründer und langjähriger Leiter des Forschungsinstituts Freie Berufe (FFB) – gehört zu den wenigen deutschen Wirtschaftswissenschaftlern, die ein gesamtes Forschungsfeld über Jahrzehnte hinweg entscheidend mitgeprägt haben. Seine Arbeiten zur Einkommensverteilung, zur ökonomischen Lage freier Berufe und zur Mikrosimulation sozialpolitischer Szenarien sind aus der deutschen Wirtschaftsforschung nicht wegzudenken. Wer verstehen will, wie Deutschland über Vermögens- und Einkommensungleichheit nachdenkt, kommt an seinem Namen nicht vorbei.
Das akademische Profil von Joachim Merz
An der Schnittstelle zwischen empirischer Wirtschaftsforschung und angewandter Sozialpolitik hat Merz ein Lebenswerk aufgebaut, das in dieser Konsequenz selten zu finden ist. Nach seiner wissenschaftlichen Qualifikation und einer Karriere, die ihn tief in die quantitativen Methoden der Volkswirtschaftslehre führte, übernahm er den Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaften an der damaligen Universität Lüneburg – später zur Leuphana Universität weiterentwickelt und heute eine der renommiertesten Reformuniversitäten Norddeutschlands.
Die Besonderheit seines Ansatzes liegt in der konsequenten Verbindung theoretischer Modellierung mit echter gesellschaftlicher Relevanz. Merz hat nie Wissenschaft um ihrer selbst willen betrieben. Seine Studien sollten – und konnten – direkten Einfluss auf Gesetzgebung, Berufspolitik und sozialpolitische Debatten nehmen. Das unterscheidet ihn von einem akademischen Typus, der primär für Fachzeitschriften schreibt.
Das FFB: Ein Forschungsinstitut als wissenschaftlicher Fingerabdruck
Das Forschungsinstitut Freie Berufe (FFB) an der Leuphana Universität Lüneburg ist ohne Übertreibung sein wichtigstes institutionelles Vermächtnis. Merz gründete und leitete das FFB als einziges deutsches Forschungszentrum, das sich ausschließlich der ökonomischen, sozialen und rechtlichen Analyse der freien Berufe widmete – einer Berufsgruppe, die wirtschaftlich bedeutsam, aber in der Forschungslandschaft lange sträflich vernachlässigt worden war.
Freie Berufe umfassen Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Architekten, Künstler und zahlreiche weitere Selbstständige mit akademischem oder kreativem Hintergrund. Sie machen einen strukturell relevanten Teil des deutschen Arbeitsmarkts aus – mit eigenen Berufsrechten, eigenen Versorgungswerken und einem eigenen sozialen Regelwerk. Merz schloss die Forschungslücke zu dieser Gruppe mit bemerkenswerter Kontinuität: Über Jahrzehnte hinweg erschienen Studien, Diskussionspapiere und Buchpublikationen aus dem FFB, die dieses Berufsfeld aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchteten.
Freie Berufe im Fokus: Einkommen, Arbeitszeit und Selbstständigkeit
Eines der zentralen Themen, mit denen sich Merz im Kontext der freien Berufe beschäftigte, war die Frage nach der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage dieser Berufsgruppen. Wie viel verdienen freiberuflich tätige Ärzte im Vergleich zu angestellten Kollegen? Wie unterscheiden sich Einkommensprofile von Selbstständigen und abhängig Beschäftigten über den Lebensverlauf? Wie wirkt sich steuerliche Belastung auf die Entscheidung aus, eine Selbstständigkeit aufzunehmen oder aufrechtzuerhalten?
Diese Fragen klingen technisch – sind es aber nur auf den ersten Blick. Hinter jeder dieser Analysen steckt eine politische Wirklichkeit: Berufsverbände, die für ihre Mitglieder lobbyieren, Gesetzgeber, die Steuerpolitik gestalten, und Menschen, die reale Entscheidungen über ihre Berufswahl treffen. Merz lieferte ihnen das empirische Fundament – präzise, datenbasiert und frei von ideologischem Ballast.
Mikrosimulation als methodischer Kernbeitrag
Was Joachim Merz im Bereich der wissenschaftlichen Methodik besonders auszeichnet, ist sein langjähriges Engagement für die Mikrosimulation – ein Analysewerkzeug, das in der deutschen Wissenschaftslandschaft noch immer zu wenig Beachtung findet, obwohl es international längst zum Standard der Politikfolgenabschätzung gehört.
Mikrosimulationsmodelle bilden Haushalte, Individuen oder Unternehmen auf Basis realer Mikrodaten nach und ermöglichen es, politische Maßnahmen – etwa Steuerreformen, Transferleistungsänderungen oder Rentenanpassungen – rechnerisch durchzuspielen, bevor sie in der Realität umgesetzt werden. Das am FFB unter Merz‘ Leitung entwickelte Modell MICSIM gehörte zu den frühen deutschsprachigen Mikrosimulationsinstrumenten dieser Art und setzte methodische Maßstäbe.
Diese Arbeit hatte praktischen Wert weit über den universitären Betrieb hinaus: Politikberatung, Bundesbehörden und Berufsverbände konnten auf Grundlage dieser Modelle Entscheidungen treffen, die sonst im Nebel von groben Schätzungen und politisch gefärbtem Bauchgefühl geblieben wären. Merz hat damit eine Brücke gebaut – zwischen akademischer Grundlagenforschung und realpolitischer Handlungsfähigkeit.
Zeitverwendungsforschung: Wenn Ökonomen auf die Uhr schauen
Ein weiteres Forschungsfeld, das Merz konsequent bearbeitete, ist die Zeitverwendungsforschung – die wissenschaftliche Analyse, wie Menschen ihre Zeit aufteilen: zwischen Erwerbsarbeit, Haushaltsarbeit, Freizeit und ehrenamtlichem Engagement. Auf den ersten Blick mag das nach einer randständigen sozialwissenschaftlichen Nische klingen.
Tatsächlich ist Zeitverwendung für die Wirtschaftsforschung von zentraler Bedeutung. Sie erlaubt Aussagen über unbezahlte Arbeit im Haushalt, über Geschlechterungleichgewichte im Alltag, über Wohlfahrtsmessung jenseits des BIP und über die tatsächliche Arbeitsbelastung von Selbstständigen – Themen, die gerade im Kontext der freien Berufe von hoher Relevanz sind. Ein Rechtsanwalt in eigener Kanzlei, der 60 Stunden pro Woche arbeitet, taucht in keiner offiziellen Statistik mit dieser Zahl auf. Merz wollte genau das sichtbar machen.
Zeitverwendung und Einkommensungleichheit: Ein unterschätzter Zusammenhang
Die Verknüpfung von Zeitverwendung mit Einkommensdaten erlaubt es, Stundenlöhne und Wohlstandsprofile auch für Selbstständige zu berechnen – eine methodische Innovation, die bis heute in der Forschung genutzt wird. Merz hat diese Verbindung immer wieder fruchtbar gemacht und damit einen interdisziplinären Ansatz verfolgt, der in der deutschen Volkswirtschaftslehre keineswegs selbstverständlich ist.
Einkommensverteilung: Ein Lebensthema mit gesellschaftlicher Sprengkraft
Kaum ein Thema in der deutschen Wirtschaftsdebatte ist gesellschaftlich brisanter als die Frage nach Einkommens- und Vermögensungleichheit. Merz hat hierzu über viele Jahrzehnte empirische Beiträge geliefert – mit einem besonderen Fokus auf die oberen Einkommensklassen, auf die Struktur der Spitzeneinkommen und auf die steuerliche Realität von Hochverdienern.
Seine Studien beleuchteten, wie sich die Einkommensstruktur in Deutschland über Konjunkturzyklen hinweg entwickelt, welche Berufsgruppen überproportional profitieren und wo strukturelle Ungleichheiten besonders tief verankert sind. Diese Erkenntnisse flossen in öffentliche Debatten ein – über Steuerreformen, Vermögenssteuer, Rentenpolitik und die Zukunft des deutschen Sozialstaats.
Merz gehört damit zu jenen Forschern, deren Arbeit nicht im Archiv verstaubt, sondern in Ministerien, Parlamenten und Redaktionsstuben gelesen wird – ein Gütesiegel, das in der Wissenschaft seltener ist, als es sein sollte.
Publikationen und wissenschaftliche Reichweite
Das wissenschaftliche Werk von Joachim Merz ist beträchtlich. Neben einer Vielzahl von Aufsätzen in referierten Fachzeitschriften und Sammelbänden stehen Bücher und Monografien, die sowohl als Lehrmaterial als auch als Referenzwerke dienen. Die FFB Discussion Paper Series – eine eigene Publikationsreihe des Instituts – hat über die Jahre Dutzende Beiträge hervorgebracht, die auch international zitiert werden.
Merz war zudem in akademische Netzwerke und Beratungsgremien eingebunden, arbeitete mit statistischen Bundesbehörden zusammen und engagierte sich in der Ausbildung einer neuen Generation von Wirtschaftsforschern. An der Leuphana hinterlässt er nicht nur ein institutionelles, sondern auch ein personelles Erbe: Schüler, die seine Methodik weiterführen.
Warum Merz‘ Forschung heute aktueller ist denn je
In einer Zeit, in der Debatten über soziale Gerechtigkeit, den Wandel der Arbeitswelt und die Rolle von Selbstständigen im Sozialversicherungssystem wieder an gesellschaftlicher Schärfe gewonnen haben, wirken seine Forschungsschwerpunkte geradezu vorausschauend. Plattformarbeit, das Aufkommen digitaler Freelancer-Ökonomien, die steuerliche Einordnung neuer Berufsbilder, der Streit um Scheinselbstständigkeit – all das verlangt nach dem Typ präziser, datenbasierter Forschung, den Merz über sein Berufsleben hinweg verkörpert hat.
Die Fragen, denen er sich gewidmet hat, brennen heute mit unveränderter Intensität: Wer verdient wie viel? Wie arbeiten Selbstständige wirklich? Was leisten freie Berufe für die Gesellschaft? Und wie kann der Staat faire Rahmenbedingungen schaffen, ohne die Dynamik dieser Berufsgruppen zu bremsen? Wer in Deutschland ernsthaft über Verteilungsgerechtigkeit oder freie Berufe forscht, steht auf Schultern, die Joachim Merz mitgebaut hat.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Wer ist Joachim Merz?
Joachim Merz ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und emeritierter Professor der Leuphana Universität Lüneburg. Er ist vor allem als Gründer und langjähriger Leiter des Forschungsinstituts Freie Berufe (FFB) bekannt und hat maßgebliche Beiträge zur Einkommensverteilungsforschung, zur Mikrosimulation und zur Zeitverwendungsforschung in Deutschland geleistet.
Was ist das Forschungsinstitut Freie Berufe (FFB) und welche Rolle spielte Merz dort?
Das FFB ist ein an der Leuphana Universität Lüneburg angesiedeltes Institut, das Joachim Merz ins Leben gerufen hat. Es ist das einzige Forschungszentrum Deutschlands, das sich exklusiv der empirischen und theoretischen Analyse der freien Berufe widmet – von Ärzten und Rechtsanwälten bis zu Künstlern und Steuerberatern. Merz leitete das Institut über viele Jahre und prägte Ausrichtung, Methodik und Publikationstätigkeit entscheidend.
Was versteht man unter Mikrosimulation, und was hat Joachim Merz dazu beigetragen?
Mikrosimulation ist eine Forschungsmethode, bei der Haushalte oder Individuen auf Basis realer Daten modelliert werden, um politische Maßnahmen wie Steuerreformen im Voraus durchzurechnen. Merz hat am FFB das Modell MICSIM mitentwickelt – eines der ersten deutschsprachigen Mikrosimulationsinstrumente überhaupt – und damit einen methodischen Standard gesetzt, der bis heute Gültigkeit hat.
Warum ist Joachim Merz‘ Forschung zur Einkommensverteilung heute noch relevant?
Weil die Kernfragen seiner Arbeit – soziale Ungleichheit, Einkommensstruktur bei Selbstständigen, steuerliche Behandlung von Spitzenverdienern – in aktuellen Debatten über Plattformarbeit, Vermögenssteuer und Rentenpolitik unvermindert drängend sind. Seine empirischen Grundlagenarbeiten bilden bis heute eine Referenz für Forscher und politische Entscheidungsträger in Deutschland.
Mehr lesen: Carola Clüsener




